Versöhnung

Wenn wir uns versöhnen

Es geht mir nicht um Verzeihen und Versöhnen als moralische Forderung, sondern als eine Psychologische Fähigkeit, fast eine Kunst, die hohe Anforderungen an uns stellt.

Klappentext

Was heißt es, zu verzeihen und sich zu versöhnen? Wie kann es gelingen? Warum ist es so schwierig? Wann kann es falsch sein, sich zu versöhnen? Zu verzeihen und sich zu versöhnen ist manchmal ein langwieriger Prozess, der aber zu einer größeren Freiheit führt und uns aktiv unser aktuelles Leben gestalten lässt. Dieser Prozess lässt uns nicht der Vergangenheit verhaftet bleiben, sondern führt dazu, dass es uns gelingt, immer wieder die Opferposition, in die wir hineingeraten, zu über­winden und selbst wirksam zu werden.

Verzeihen, sich versöhnen: Das sind keine psychologischen Kategorien. Und dennoch ging und geht es im Leben, aber ebenso in der Psychotherapie letztlich immer auch darum, sich selbst zu versöhnen, mit dem eigenen Schicksal, mit Menschen, die uns geschadet haben. Man spricht im Rahmen der Psychotherapie eher davon, schwierige Lebenserfahrungen, wenn man sie durchgearbeitet hat, loszulassen, damit man sich wieder neu auf das Leben einlassen kann. Die Fähigkeit loszulassen aber ist verbunden mit der Fähigkeit, verzeihen und sich versöhnen zu können.

Vorwort

In einer Zeit, in der so viel Hass in der Welt ist, in der die Überzeugung zu schwinden scheint, dass Menschen sich nicht nur befeinden, sondern sich auch befreunden können, scheint es mir wichtig, sich vom psychologischen Standpunkt aus Gedanken darüber zu machen, wie man mit Konflikten in menschlichen Beziehungen so umgehen kann, dass immer auch wieder nahe, vertrauensvolle Beziehungen entstehen können - Beziehungen, in denen man einander fördert, damit ein gutes Lebensgefühl möglich wird.

Es geht mir nicht um Verzeihen und Versöhnen als moralische Forderung, sondern als eine psychologische Fähigkeit, fast eine Kunst, die hohe Anforderungen an uns stellt. Verzeihen und Versöhnen ist aus meiner Sicht ein beziehungsdynamisches Konzept. Ein Konflikt muss innerlich »durchgetra­gen« werden, dann können wir uns auch wieder neu auf die Beziehung einlassen, in der der Konflikt sich ereignet hat. Wie geht das? Wie kann man mit den verschiedenen Gefühlen, die daran beteiligt sind, umgehen?

Was heißt es, zu verzeihen und sich zu versöhnen? Wie kann es gelingen? Warum ist es so schwierig? Wann kann es falsch sein, sich zu versöhnen? Zu verzeihen und sich zu versöhnen ist manchmal ein langwieriger Prozess, der aber zu einer größeren Freiheit führt und uns aktiv unser aktuelles Leben ge­stalten lässt. Dieser Prozess lässt uns nicht der Vergangenheit verhaftet bleiben, sondern fuhrt dazu, dass es uns gelingt, immer wieder die Opferpositionen, in die wir hineingeraten, zu überwinden und selbstwirksam zu werden.

Verzeihen, sich versöhnen: Das sind keine psychologischen Kategorien. Und dennoch ging und geht es im Leben, aber ebenso in der Psychotherapie letztlich immer auch darum, sich mit sich selbst zu versöhnen, mit dem eigenen Schicksal, mit Menschen, die uns geschadet haben. Man spricht in der Psychotherapie eher davon, schwierige Lebenserfahrungen, wenn man sie durchgearbeitet hat, loszulassen, damit man sich wieder neu auf das Leben einlassen kann. Die Fähigkeit loszulassen aber ist verbunden mit der Fähigkeit, verzeihen und sich versöhnen zu können.

Verzeihen und sich versöhnen ist ein aktives Tun und erwächst aus einem Entschluss, durch den man aus der Position des bloßen Opfers herausfindet zu einer Position der Würde.

Wenn wir verzeihen und uns versöhnen

Immer einmal wieder entzweit man sich mit Menschen: Man hat mit ihnen einen Konflikt, einen Streit. Man ist übervorteilt worden, beschämt, betrogen, empfindet einen Angriff als ungerecht, ist enttäuscht, weil der andere Mensch nachlässig war. Oder aber man ist neidisch und gerät aus Neid, den man vielleicht maskiert, in Distanz zum anderen Menschen, man greift selber an, ist gemein, entwertend. Gerade zwischen Menschen, die sich gegenseitig wichtig sind, entstehen viele Situationen, die zu Verstimmung, Ärger, Streit, Entzweiung und Distanz führen. Es ist unter Menschen unmöglich, sich nicht gelegentlich zu streiten. Das Streiten hat sogar einen tiefen Sinn und kann das menschliche Zusammenleben wesentlich verbessern: Wenn wir gut streiten, dann wissen wir, was unsere Position ist und wie wir für sie und damit für uns selber einstehen wollen. Natürlich geht das nicht ohne Kompromisse ab: Aber wenn jede und jeder besser weiß, was für sie oder für ihn in einer bestimmten Situation besser ist, und auch dafür einstehen kann, wird das Zusammenleben für alle befriedigender. Wenn wir aber nur streiten, werden wir uns mit allen Menschen zerstreiten, wir werden einsam und dadurch geschwächt. Wir werden uns mit den anderen Menschen und dem Leben verfeinden, statt uns damit zu befreunden. Und dadurch verlieren wir Lebensqualität. Wenn es also sinnvoll ist zu streiten, dann müssen wir auch lernen, einander zu verzeihen und uns wieder zu versöhnen. Gelegentlich sind wir auch mit uns selbst zerfallen, wir liegen mit uns selbst im Streit. Von uns selber können wir uns nicht so leicht befreien. Immer im Streit mit sich selbst zu liegen, kostet viel Energie und bewirkt, dass wir psychisch unausgeglichen sind, der Vergangenheit verhaftet, ohne Perspektiven auf die Zukunft. Wir müssten auch uns selber viel verzeihen und uns immer wieder mit uns selbst versöhnen.

Manchmal sind wir nicht mit uns selbst zerfallen, sondern mit dem Schicksal: Wir sind ganz und gar nicht einverstanden mit unserem Schicksal, finden wir hätten ein anderes, ein bes­seres verdient. Ziel einer Psychotherapie ist es unter anderem, sich mit dem eigenen Schicksal zu versöhnen. Wir können uns selbst nicht austauschen, aber verändern. Ein Schicksalsschlag trifft uns, wir verlieren einen für uns wichtigen, geliebten Menschen. Gelingt es uns, uns mit unserem Schicksal zu versöhnen, können wir besser damit umgehen, haben weniger Gefühle der Wut, des Hasses, weniger Schuldgefühle und können unser Leben trotz des Schicksalsschlags besser meistern.

Was heißt es, sich zu versöhnen?

Verzeihen meint, sich etwas zu versagen, den Anspruch auf Genugtuung oder Rache aufzugeben. Sich zu versöhnen bedeutet, eine Verfehlung, oder was wir für eine Verfehlung halten, schuldhaftes Verhalten, nicht mehr übel zu nehmen, sondern zu verzeihen und darüber hinaus wieder eine vertrau­ensvolle Verbindung herzustellen, auch wenn man nicht weiß, ob diese Verfehlung nicht erneut vorkommen wird. Das ist eine wichtige Voraussetzung. Natürlich hofft man, dass die Verfehlung nicht wieder geschieht, aber man kann es nicht wirklich wissen, und man darf es auch nicht wirklich erwarten. Es ist ein Brückenschlag über einen Abgrund hinweg -und alle wissen um den Abgrund, lassen aber diesen Abgrund nicht mehr das Leben bestimmen.

Indem man sich entschließt, sich zu versöhnen, leistet man einen großen Vertrauensvorschuss. Man ist großzügig, großherzig. Man bietet wieder eine vertrauensvolle Verbindung an, bei der Kränkungen, Ressentiments, Hass und Groll hinter sich gelassen werden. Sich zu versöhnen ist nicht nur eine Gabe an den Missetäter oder an die Missetäterin, es ist vor allem eine Gabe an den Versöhnungswilligen selbst: Etwas, was verdorben schien, kann wieder gutgemacht werden. Ob die versöhnlichen Gesten angenommen werden, ist dann eine andere Frage. Gegenseitige Versöhnung ist auch ein gegensei­tiges Geschenk.

Zur Versöhnung müssen wir uns entschließen. Wir können sie nicht fordern, aber vielleicht fördern. Sich versöhnen ist mehr als verzeihen, beruht aber auf dem Verzeihen. Um verzeihen zu können, muss man die Verletzung wahrnehmen, den Ärger oder die damit verbunden Scham spüren, und sich erholen, aber auch verstehen, warum es zu dieser Situation gekommen ist. Das Mehr bei der Versöhnung besteht in der Entschlossenheit, diese Beeinträchtigung hinter sich zu lassen, und sich dem anderen Menschen wieder in Liebe oder allenfalls in Respekt zu verbinden. Wir können einem Menschen verzeihen, ohne dass wir wiederum in eine Beziehung zu ihm oder zu ihr eintreten, ohne dass wir uns wirklich versöhnen.

Einander zu verzeihen und sich zu versöhnen bewirkt eine Entlastung. Die Beziehung kann wieder gelebt werden, man kann sich wieder aufeinander verlassen. Das ist gerade im Umgang mit alltäglichen Ängsten eine wichtige Erfahrung.

Haben wir etwas falsch gemacht, dann werden wir uns »entschuldigen«. Die Entschuldigung ist eigentlich eine Bitte um Entschuldigung, man bittet darum, dass diese angenommen wird. Die Entschuldigung stimmt den Menschen, dem wir etwas angetan haben, milder. Die Entschuldigung hat aber auch eine Wirkung auf den, der sich entschuldigt: Mit der Tat oder mit dem Verhalten haben wir uns auch von uns selbst entfernt. Mit der Bitte um Entschuldigung kommen wir uns selbst wieder nah.

Bieten wir Versöhnung an, so verlangen wir eine noch größere Leistung vom anderen: Er oder sie soll auf Hass und Rache verzichten. Die Versöhnung ist dialogisch: Beide bringen eine Leistung, beide vergessen nicht, dass sie einander verziehen haben und dass sie wieder »neu« miteinander beginnen. Dieser Entschluss zum Neuanfang ist sehr wichtig. Sich zu entschuldigen und zu verzeihen - das ist unser eigener Entschluss, zu dem wir kommen können. Bei der Versöhnung ist es etwas schwieriger: Dieser Neubeginn hat, wie jeder Neubeginn, etwas Schöpferisches, was von keinem der beiden wirklich »gemacht« werden kann, es muss sich ereignen.

Wenn wir uns versöhnen können, dann sind wir nicht nur mit uns selbst wieder einverstanden, sondern auch mit dem anderen, neue Zuneigung kann entstehen, eine Liebe wieder aufblühen. Wir sind dann in einem weiteren Zusammenhang auch wieder grundsätzlicher einverstanden mit dem Leben: Wir erfahren, dass auch etwas, was heillos verstrickt zu sein schien, wieder heil werden kann. Das ist eine gute Erfahrung, die wir verinnerlichen und die uns dazu verhilft, Konflikt­situationen auch in der Zukunft - wenn nicht positiver - so zumindest offener zu beurteilen.

Versöhntsein ist ein Zustand der bejahenden Integration: Wir sind Menschen, immer einmal zerfallen mit uns selbst, mit anderen, mit der Schöpfung, aber immer auch wieder neu einverstanden mit uns selbst, mit dem Leben als Ganzem, trotz Verlust, Tod und Terror, trotz aller Widrigkeiten und Schrecken. Es ist gut, so wie es ist, auch wenn es durchaus besser sein könnte. Versöhntsein mit anderen Menschen ist ein Zustand gegen die Abspaltung: Wir sind wieder in Beziehung zu ihnen, ihr Reichtum ist auch unser Reichtum, wir können sie lieben und werden geliebt, wir gehören zueinander. Das gibt auch Geborgenheit, auch wenn diese Nähe immer einmal wieder verloren geht, kann sie wieder neu entstehen. Wir sind jetzt wieder frei, miteinander etwas zu gestalten. Versöhnung bringt Freiheit. Gefühle der Freude, der Zufriedenheit, ein hinreichend gutes Selbstwertgefühl. Man ist nicht mehr ein Opfer der Umstände, des Lebens.

Es ist leichter, sich zur Versöhnung zu entschließen und sie zu wollen, wenn man immer einmal wieder dieses entlastende Gefühl des Versöhntseins erlebt, wenn man immer einmal wieder erfährt, dass man sich entzweit, dass man sich aber auch wieder versöhnen kann. Und man muss auch erlebt ha­ben, wie ein Gefühl des Unversöhntseins die Lebensqualität mindert, einen ausschließt, blind macht und in die Vereinzelung zurückwirft.

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