Vater- / Mutterkomplexe

Vater-Töchter Mutter-Söhne

Wege zur eigenen Identität aus Vater- und Mutterkomplexen

"Diese Bereitschaft, immer wieder neu geboren zu werden, wäre die Bereitschaft, immer wieder die Gewohnheiten, die sich aus den vertrauten Komplexprägungen ergeben, in Frage zu stellen; es bedeutet aber auch, Sicherheiten aufzugeben. Es braucht Mut dazu, sich von anderen Menschen zu unterscheiden, Mut, sich immer wieder zu trennen uns sich neu wieder einzulassen."

Klappentext

Der Vater- bzw. Mutterkomplex, den wir als positive REaktion auf unsere Eltern in der Kindheit entwickelten, kann uns im Erwachsenenleben behindern

  • in unserem Selbstverständnis
  • in unseren Beziehungen und
  • im Berufsleben

Verena Kast zeigt anschaulich, wie wir uns aus diesem Komplex ablösen und uns dadurch befriedigende neue Lebensmöglichkeiten eröffnen können.

Einleitung

Dass Menschen Mutter- und Vaterkomplexe »haben«, ist unterdessen verbreitetes allgemeines psychologisches Wissen geworden. Sucht etwa ein Mann immer wieder eine Mutter in seinen Freundinnen, oder sucht er direkt mütterliche Freundinnen, dann steht die Diagnose für die meisten Mitmenschen fest: Der Mann leidet an einem Mutterkomplex. Gemeint ist damit, dass sich dieser Mann irgendwie nicht altersgemäß aus seiner Bindung an die Mutter gelöst hat, dass er auf einer früheren Entwicklungsstufe stecken geblieben ist, oder dass er einfach ein Mensch ist, der immer eine »Mutter« braucht. Es ist ebenfalls Allgemeinwissen, dass daran etwas nicht ganz richtig ist. Man spricht dann auch von Muttersöhnchen. Ähnliches gilt auch vom »fils à papa«, dem Sohn, der zu lange Sohn seines Vaters bleibt. Allerdings zeigt uns schon der noch eher vornehme Ausdruck, dass der Vaterkomplex des Sohnes in unserer Gesellschaft als weniger problematisch angesehen wird. Zeigt eine Frau eine Vorliebe für Männer, die wesentlich älter sind als sie selbst, dann attestiert man ihr einen Vaterkomplex und wirft ihr damit leise vor, sich nicht vom Vater abgelöst zu haben. Bleibt sie über die Zeit hinaus bei ihrer Mutter oder kopiert sie den Lebensstil ihrer Mutter zu auffällig, dann sagen die Menschen, die sich durch dieses Verhalten benachteiligt fühlen, die Frau leide an einem Mutterkomplex. Möglicherweise fällt dieser Komplex aber gar nicht unliebsam auf.

Es scheint sich auf den ersten Blick bei diesen zwei grundlegenden Komplexen um einen ganz einfachen Sachverhalt zu handeln, der natürlich damit zusammenhängt, dass die meisten Menschen von Mutter und Vater erzogen und geprägt werden, beziehungsweise dass das Fehlen des einen oder des anderen in unserer Gesellschaft deutlich vermerkt und bemängelt wird. Dieses Konzept, das auf den ersten Moment so selbstverständlich scheint, so griffig auch, ist ein sehr kom­pliziertes Konzept, das - und das suggeriert schon das Allgemeinwissen - in einem direkten Zusammenhang steht mit der Entwicklung eines Menschen. Der Ich-Komplex eines Men­schen muss sich »altersgemäß« von den Mutter- und Vaterkomplexen ablösen, soll der Mensch seine altersgemäßen Entwicklungsaufgaben wahrnehmen können und über einen kohärenten Ich-Komplex - ein »hinreichend starkes Ich« -verfügen können, das es ihm oder ihr erlaubt, die Anforderungen des Lebens wahrzunehmen, mit Schwierigkeiten umzugehen und ein gewisses Maß an Lebenslust und Zufriedenheit aus dem Leben gewinnen zu können.

Das Konzept der Komplexe ist eines dezentralen Konzepte der Jungschen Psychologie. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass bei der Beschreibung von Analysandinnen und Analysanden immer wieder die Aussage fallt: »Er hat halt einen positiven Mutterkomplex.« Oder: »Sie hat halt einen so dominierenden Vaterkomplex.« Damit wird eine Aussage über eine grundsätzliche Prägung dieses Menschen gemacht, die auch einiges aussagt über die besonderen Schwierigkeiten, aber auch über die besonderen Lebensmöglichkeiten dieses Menschen. Auf diese Komplexe wird in einzelnen Fallbeschreibungen oder auch Fallvignetten innerhalb der Jung­schen Psychologie immer wieder Bezug genommen; von Jung selber stammen verschiedene Beschreibungen zu einzelnen Komplexbildern; die Mutter- und Vaterkomplexe aber sind meines Wissens noch nie im Überblick dargestellt worden. Das möchte ich mit diesem Buch nachholen, umso mehr, als es mir scheint, dass das Konzept der Komplexe im Zusammenhang mit Ergebnissen der modernen Säuglingsbeobachtung eine neue Aktualisierung erfahren wird. Bei diesem meinem Überblick wird es allerdings nur möglich sein, typische Komplexformationen zu beschreiben. Da kein Mensch »nur« von einem Mutterkomplex bestimmt ist, sondern immer auch der Vaterkomplex eine Rolle spielt und der Ich-Komplex in der jeweiligen speziellen Lebenssituation - und die kann sehr variabel sein - den Umgang mit den prägenden Komplexen in jeweils differenzierter Weise beeinflusst, liegen die Komplexe in der »reinen« Form, wie ich sie beschreiben werde, ganz selten vor, geben aber eine Idee davon, was denn die jeweilige spezielle Komplexatmosphäre ausmacht. Das Zusammenspiel der Komplexe - und da müssten dann auch weitere Komplexe, besonders die Geschwisterkomplexe mit bedacht werden -kann man methodisch in detaillierten Fallbeschreibungen befriedigend darstellen. Das ist im Rahmen der Jungschen Literatur auch immer wieder gemacht worden. Ich werde allerdings diese Literatur hier nicht zusammenfassend referieren. Ich möchte meine Sicht der Komplexe, wie sie sich mir in mehr als 20-jähriger Arbeit mit Analysandinnen und Analysanden aufgedrängt hat, formulieren und damit zur Diskussion stellen.

Ich werde mich dabei sehr ausführlich mit dem ursprünglich positiven Mutterkomplex befassen, zum einen, weil mir scheint, dass dieser zu sehr von der Diskussion ausgeschlossen ist, zum anderen, weil in einer doch sehr vom Vaterkomplex geprägten Welt sich zunehmend eine Sehnsucht zeigt nach Werten, die zum Mutterkomplex gehören und im Zuge der Abwertung des Weiblichen mit entwertet worden sind, im Schatten liegen, uns heute aber dringend fehlen. So wird im Zusammenhang mit dem Mutterkomplex viel zu rasch von der »verschlingenden Mutter« gesprochen und damit unter­schwellig das Patriarchat oder zumindest der Androzentrismus legitimiert. Ich möchte bei meinen Ausführungen auch vermeiden, dass, wie heute oft zu beobachten ist, die Vaterimago des Vaterkomplexes entlastet, dafür die Mutterimago des Mutterkomplexes belastet wird. Es geht mir bei meinen Aus­führungen also nicht nur um die Beschreibung dieser Komplexe, sondern auch um eine Entzerrung von Verzerrtem, soweit mir das möglich ist.

Diese Komplexe selber sind unter anderem natürlich auch Komplexe, die in einer parriarchalen Kultur entstehen. Indem ich sie beschreibe, könnte der Eindruck aufkommen, dass ich damit auch herrschende Zustände festschreiben möchte. Das wäre ganz gegen meine Intentionen. Ich möchte diese Komplexe beschreiben, damit uns deutlich wird, wo wir von ihnen geprägt sind, und damit es uns in der Folge möglich wird, uns durch das Benennen und das Bewusstwerden von ihnen abzulösen, um eigenständigere und bindungsfähigere Menschen zu werden.                                            

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Einleitung

9

»Ich will alles anders machen«

Die altersgemäße Ablösung

13

»Es hat keinen Sinn, sich einzusetzen«

Komplexe und das Episodengedächtnis

35

»Die Welt muss jemanden wie mich genießen«

Der ursprünglich positive Mutterkomplex des Mannes

49

»Man kann fast alles im Leben ertragen,

wenn man gut gegessen hat«

Der ursprünglich positive Mutterkomplex bei Frauen

67

Leben und leben lassen

Das Typische an den ursprünglich positiven

Mutterkornplexen

85

Aggression und Klage

Entwicklung aus dem ursprünglich positiven

Mutterkomplex

105

»Stolzer Vater - wunderbarer Sohn«

Der ursprünglich positive Vaterkomplex des Sohnes

151

Aufmerksame Töchter

Der ursprünglich positive Vaterkomplex bei Frauen

163

»Ein schlechter Mensch in einer schlechten Welt«

Der ursprünglich negative Mutterkomplex bei Frauen

189

»Wie gelähmt«

Der ursprünglich negative Mutterkomplex beim Mann

203

»Niedergestampft zum Nichts«

Der ursprünglich negative Vaterkomplex des Mannes

217

»Eigentlich tauge ich nichts«

Der ursprünglich negative Vaterkomplex bei der Frau

239

Landnahme im unbekannten Land

Schlussfolgerungen

249

Anmerkungen

259

Quellennachweis

261

Literaturverzeichnis

263

Stichwortregister

267

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