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Unseren Beziehungen liegt immer eine Beziehungsphantasie zugrunde. Diese Beziehungsphantasien sind dann am lebendigsten, wenn wir verliebt sind; dann sind wir gepackt von diesen Phantasien, gestalten sie, leben in ihnen. Meine These ist: In meiner Beziehungsphantasie gestalte ich ein Paar, dessen einer Aspekt nicht einfach aus meinem Ich besteht, sondern ich phantasiere eine mir Ganzheit verheißende, beglückende, anregende Verbindung von Mann und Frau, ausgelöst durch einen Partner oder eine Partnerin: In der Phantasie zeigt sich nicht nur, was dieser Partner etwa für mich sein könnte, was ich in ihm sehe, sondern auch meine Vorstellung davon, was er oder sie aus mir herausliebt, welche besten oder schlechtesten Züge er oder sie in mir belebt. |
Vorwort
In Beziehungsphantasien, die wir vor allem in Zeiten großer Verliebtheit pflegen und auskosten, wird der Partner idealisiert, idealisieren wir aber auch die Seiten in uns, die der Partner anspricht. Diese Idealisierung entspricht dem Wesen der Liebe. Sie bewirkt, dass unsere besten Möglichkeiten entbunden werden und wir uns über unser Gewordensein hinaus verändern können. Solche Phantasien liegen jeder Beziehung zugrunde, auch wenn sie uns nicht bewusst werden.
In meiner Arbeit mit Trauernden fällt mir immer wieder auf, dass die Menschen leichter in den Verlust einwilligen können, die recht klar wissen, welche Phantasien sie mit dem verstorbenen Partner in der Zeit ihrer lebendigsten Beziehung verbunden haben, die aber auch sehen, welche Aspekte ihrer Persönlichkeit dieser Partner in ihnen bevorzugt erkannt und damit auch zum Leben verleitet hat. Sie fühlen sich nicht nur beraubt, sie spüren ausdrücklich, was der Partner in ihnen belebt hat und was ihnen auch durch seinen Tod nicht genommen werden kann.
Oft ist es gerade der entscheidende Schritt in der Trauerarbeit, diese Beziehungsphantasien, die sich natürlich im Laufe eines Lebens wandeln, freizulegen, damit die Bedeutung der Beziehung für den eigenen Entwicklungsprozess und das eigene Leben sichtbar wird.
Diesen idealisierenden Beziehungsphantasien liegen die mythologischen Bilder der heiligen Hochzeit zugrunde, wie sie Shiva und Shakti, Ishtar und Tammuz, Zeus und Hera miteinander feiern, in der die Vereinigung von Himmel und Erde dargestellt wird, um den Ursprung allen Lebens zu bewirken und die Fruchtbarkeit des Lebens zu erhalten.
Ausgehend von den Mythen der heiligen Hochzeit möchte ich zeigen, wie menschliche Beziehungen, dargestellt in Beziehungsgeschichten, in Träumen, in der Phantasie, in der Literatur, diese Götter-Paare spiegeln.
Ich möchte in diesem Buch dazu anregen, die Beziehungsphantasien und ihre große Bedeutung innerhalb der Partnerschaft, aber auch intrapsychisch wahrzunehmen, und möchte zeigen, dass sie in jedem Partner archetypisch Weibliches und archetypisch Männliches in einer besonderen Verbindung wecken und damit das Gefühl der Ganzheit, aber auch das Gefühl der Lebendigkeit und der Schöpfungswonne.
In Beziehungsphantasien scheinen sich »Anima« und »Animus« in ihrer Verbundenheit miteinander auszudrücken. Meinen Ausführungen ist ein längerer Prozess der Auseinandersetzung mit den Begriffen Animus und Anima von C. G. Jung vorangegangen. Diesen Prozess habe ich im letzten Kapitel dargestellt. Das vorliegende Buch ist auf dem Hintergrund meiner Sicht von Anima und Animus geschrieben, ohne dass ich die Begriffe im Text verwende.
Es geht mir darum, den göttlichen Paaren in der Seele des Menschen nachzuspüren und zu zeigen, welche Bedeutung sie für unsere Beziehungen und für unsere eigene Entwicklung haben.
Besonders wichtig ist mir dabei, den Wandel der Beziehungsphantasien in seiner Problematik und in seiner Fruchtbarkeit für das gelebte Leben zu bedenken, da Beziehungsphantasien unseren tiefsten Sehnsüchten entsprechen, die, wenn wir sie nicht wahrnehmen, sich als Vorwürfe an den Partner äußern.
Allen denen, die an den Ideen dieses Buches mitgedacht und mitphantasiert haben, möchte ich danken, vor allem auch denen, die mir erlaubt haben, einen Teil ihrer Geschichte, ihre Träume und ihre Phantasien in diesem Buch zu verwenden. Mein besonderer Dank gilt Hildegunde Wöller, die dieses Buch mit angeregt und liebevoll-aufmerksam lektoriert hat.