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Klappentext
Um die Lebensmitte herum wird vielen Menschen die tägliche Mühe zur Last. Scheinbar sinnlos ist die ewige Wiederholung der immer gleichen Anstrengungen, der Tod taucht am Horizont auf und mancher fühlt sich an Sisyphos erinnert. In jedem Fall fordert der Mythos von Sisyphos zum Nachdenken heraus: Ist das Tun des Menschen vergeblich und darum sinnlos? Was symbolisiert der Stein? - Ein spannender Ansatz zum Verstehen der Phase der Lebensmitte von einer der bekanntesten Psychologinnen unserer Zeit. |
Sisyphos - der Mythos der Vierzigjährigen
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Inhalt |
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Vorwort |
7 |
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Einleitung |
9 |
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Das Stemmen des Steins |
13 |
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Das alltägliche Verständnis des Mythos |
17 |
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»Was fällt Ihnen zu Sisyphos ein?« |
19 |
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Überlegungen zum mythischen Bild |
31 |
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Hoffnung und Hoffnungslosigkeit oder Erwartung und Enttäuschung |
41 |
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Der Stein als Symbol |
55 |
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Die Vorbedingung für die Strafe |
59 |
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Sisyphos - der Schlaue und Trickreiche |
63 |
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Und noch einmal der Stein |
77 |
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Festhalten und Loslassen |
87 |
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Der Mythos der Vierzigjährigen |
103 |
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Überlieferte Deutungen des Sisyphosmythos |
109 |
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Der Mythos von Sisyphos im Traum |
117 |
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Schlussbemerkungen |
129 |
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Anmerkungen |
131 |
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Literatur |
133 |
Vor fast 20 Jahren habe ich diesen Mythos interpretiert, als Mythos der Vierzigjährigen, zu denen ich damals gehörte. Nun soll diese Monografie noch einmal in leicht ergänzter Form neu herausgegeben werden. Dass dieser Mythos aktuell bleibt, ist für mich keine Frage. Die Wiederkehr desselben, die ewigen Wiederholungen: Sie bleiben ein Thema, auch auf eine beängstigende Weise. Nehmen wir die Weltpolitik: Wie hofften wir doch, dass die Menschen einige Brutalitäten nicht mehr begehen würden - wie enttäuscht sind wir geworden, und werden wir immerzu! Lernen Menschen wirklich nicht aus der Vergangenheit? Immer dasselbe - in wenig variantenreichen Neuauflagen. Man könnte verzweifeln, fatalistisch werden, das Leben als sinnlos bezeichnen, und dabei noch mehr verrohen. Wenn die Zukunft nur die Vergangenheit in etwas veränderter Form ist, fragt man sich, ob die Menschen sich nicht weiter entwickeln können.
Fatalismus, Erfahrung von Sinnlosigkeit, aber auch die bange Frage, ob und wie denn diesem Leben Sinn abzuringen sei, sind aktuelle Fragen, es sind aber auch uralte Fragen der Menschen, die unter anderen im Mythos von Sisyphos ihren Niederschlag gefunden haben. Mythen erlauben uns, Fragen unserer modernen Existenz auf ihrem Hintergrund und in der Spannung zu ihnen neu zu stellen und neue Antworten zu bekommen. In diesem Mythos findet man, so meint zumindest Camus, einen Hintergrund, auf dem man das Thema der Absurdität des Daseins und damit die Sinnleere neu reflektieren und auch neu existentiell beantworten kann.
Aber auch die Mühen des alltäglichen Lebens, die Faktizitäten, die sich in den ewigen Wiederholungen zeigen, die Themen des Festhaltens und Loslassens können in der Projektion auf diesen Mythos auch für das eigene Leben neu wieder verstanden werden und damit ein Gefühl der Freiheit innerhalb der ganzen Notwendigkeit erfahrbar machen. Und zuletzt noch: Sisyphos ermutigt auch. Er gibt nicht so schnell auf - und diese Zähigkeit, gerade auch in der Suche nach der sinnvollen Gestaltung des Lebens, trotz aller Wiederkehr, kann als Ressource gesehen werden.
Eines Tages, als ich wieder einmal daran war, einen Berg Geschirr wegzuräumen, und mir einfiel, wie bald der nächste Berg Geschirr wieder da stehen würde, wurde mir bewusst, wie viele Berge von Geschirr in meinem Leben diesem einen noch folgen werden, wie viele ich auch schon abgetragen hatte. Eine Arbeit, die sich in regelmäßiger Gleichförmigkeit immer wiederholt, immer nur für einen Moment abgeschlossen ist, eine Arbeit, die sich immer wiederholen wird. Eine richtige Sisyphos-arbeit, dieses ewige Geschirraufräumen.
Als einmal das Stichwort gegeben war, fiel mir auf, wie die Nachrichten im Radio, seit ich mich entsinnen kann, einander gleichen: Immer die gleichen Probleme in der Welt, über die konferiert, debattiert wird, ohne dass sich Wesentliches ändert, aber auch immer die gleiche Art der Berichterstattung, die dem Unglück in der Welt so viel Raum zugesteht, glücklichen Ereignissen hingegen wenig Wichtigkeit beimisst.
Ich sah einen Zusammenhang zwischen meiner Arbeit, die nie wirklich zu Ende geführt werden kann, sich immer wiederholt, und den Problemen der Menschheit, an denen auch immer gearbeitet wird, die sich aber auch immer wiederholen. Natürlich hätte ich mein Augenmerk auf die Befriedigung lenken können, die den Moment begleitet, wenn der Geschirrberg abgetragen ist, und auf die kleinen Fortschritte, die auch in den sich so sehr ähnelnden Nachrichten zu sehen sind. Aber an diesem Tag fiel mir der Aspekt der ewigen Wiederholung auf, begleitet von der Gewissheit, dass unendlich vieles im Leben immer wieder von vorne anfängt, dass ich immer wieder von vorne anfangen muss, gerade auch da, wo eine große Veränderung eigentlich angenehm wäre.
Es fielen mir weitere Erlebnisse zum Themenkreis ein: Etwa, wie oft ich schon versucht habe, immer wieder denselben Sachverhalt zu erklären, oder wie ich selber ein Problem immer wieder von allen möglichen Seiten angehe, meine, ich hätte es verstanden, und dann doch wiederum den Eindruck habe, es sei noch nicht gut genug verstanden, noch nicht prägnant genug erfasst, und das Problem wieder wälze, wieder formuliere, neu formuliere - auch hier wieder von vorne anfange...
War ich beim Geschirraufräumen noch ganz sicher, dass diese Arbeit unter Sisyphusarbeit einzuordnen sei, beim Ringen der Menschen mit ihren Problemen, wie sie in den Nachrichten zum Ausdruck kommen, war ich schon etwas weniger sicher. Noch Ungewisser war mir aber die Beurteilung, als mir meine Erklärungsversuche einfielen. Fragen, die gestellt werden, gleichen sich ungeheuer, aber die Situationen, aus denen heraus sie gestellt werden, sind oft andere, haben sich verändert. Das Ringen um einen prägnanten Ausdruck, um ein stimmiges Bild hat zwar auch diesen Aspekt der ewigen Wiederholung, zudem noch deutlich auch die Komponente eines nur vorläufigen Gelingens, und doch bezeichnete ich diese Arbeit, obwohl viel Sisyphisches mit ihr verbunden ist, nicht einfach als Sisyphusarbeit, dafür ist doch zuviel an Veränderung mit ihr verbunden.
Dann fielen mir Menschen im therapeutischen Pro-zess ein: Da wird immer wieder mit den gleichen Grundproblemen gerungen. Immer wieder stellen sich die gleichen Fragen, die gleichen Eigenheiten werden zum Konflikt. Und manch einer klagt dann: »Kann ich dieses Problem denn nie bewältigen?«, und verzweifelt fast an seinen Anstrengungen. Ein andermal kann er von einer anderen Warte aus sehen, dass er sich zwar immer mit den gleichen Problemen beschäftigt, aber er erlebt, dass er jetzt schon anders mit ihnen umgehen kann. Ist er bei der ersten Aussage noch ganz überzeugt davon, dass die Arbeit an sich selbst, an seinen Grundproblemen, Sisyphusarbeit ist, dann ist er bei der zweiten Aussage nur noch bedingt davon überzeugt.
Natürlich stellt sich hier die Frage, ob das Sisyphische seine Mühsal verliert, wenn es einem gelingt, nicht nur die Wiederholung, sondern auch die ganz leise Veränderung daran zu sehen. Oder nennen wir etwas Sisyphos-arbeit, wenn wir eine Veränderung nicht sehen können oder sehen wollen?
Deutlich wird bereits jetzt, dass es schwer fällt, in jenen Sisyphusarbeiten, die wirklich bloße Wiederholungen sind, einen Sinn zu sehen. Sinn verbinden wir mit Veränderung zu etwas Umfassenderem hin.