Buchtipp

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Buchbesprechung von Ingrid Riedel

Verena Kast, Die Tiefenpsychologie nach C.G. Jung. Eine praktische Orientierungshilfe. Kreuz-Verlag , Stuttgart 2007

Als Orientierungshilfe für solche, die Therapie suchen, vom Verlag  gedacht, ist unter Verena Kasts kundiger Hand ein konzentriertes, überschaubares Kompendium der Jungschen Psychologie und der auf ihr beruhenden Behandlungsmethode entstanden, wie  es das in dieser knappen Form (108 Seiten) bisher noch nicht gab. Auch für solche, die mit der Jungschen Psychologie bereits vertraut sind, steckt das Buch voller  Ueberraschungen und ungewohnter Perspektiven, die sich Verena Kast´s eigenen Forschungsergebnissen verdanken.

Der komplexe Stoff ist dabei nicht nur auf das Wesentliche gebracht, sondern auf das hin ausgeleuchtet und focussiert, was Jungs Psychologie zu einer kohärenten und gerade heute relevanten  psychologischen Theorie macht, zur Grundlage einer überaus schöpferischen therapeutischen Methode.

Verena Kast geht von der heute neu erwiesenen Affektivität als Basis der menschlichen Persönlichkeit aus und rollt die Jungsche Psychologie von da her auf : von Jungs und Riklins  Forschungen zum Assoziationsexperiment  und der damit verbundenen Entdeckung der „ gefühlsbetonten Komplexe, als Bilder „einer bestimmten psychischen Situation, die lebhaft emotional betont ist und sich zudem als inkompatibel mit der habituellen Bewusstseinslage und – Einstellung erweist.“ (Jung)

In den „ Komplexepisoden“, die bei der Kontexterhebung zu dem Experiment zum Vorschein kommen , (meist der Kindheit entstammend), sind zugleich die Lebensthemen der jeweiligen ProbandInnen enthalten, sowohl mit dem , was sie an ihrer Entfaltung hemmte als auch mit dem, was entwicklungsfähig ist.  Komplexepisoden erscheinen auch in den Träumen.

An den Symbolisierungen wiederum, die die Komplexe z.B. im Traum erfahren, lassen sich die dahinter stehenden Archetypen erschliessen, die das Potential zur schöpferischen Weiterentwicklung  eines Menschen aus seinen Komplexen heraus enthalten.

Von hier aus stellt V.Kast das Schöpferische als Wirkung der Archetypen dar, und weist zugleich auf die  schöpferischen Wege hin, die, wie zum Beispiel Aktive Imagination, die zwischen Bewusstsein und Unbewusstem vermittelt, als optimale Ergänzung jeder Jungschen Therapie.

Anschliessend stellt sie den Individuationsprozess in seinen möglichen Schritten und Stationen anschaulich und anregend dar. Das „Selbst“ wiederum, das nach Jung den Individuationsprozess steuert, wird von Kast primär als  der auslösende dynamische Faktor für einen „ Bildensprozess des Psychischen“(S. 48) und nicht etwa als ein objektivierbares Wesen oder eine übergeordnete Person betrachtet– auch wenn gelegentlich in Träumen Personen erscheinen können, in denen sich die Wirksamkeit des Selbst darstellt.

Innerhalb des Individuationsvorganges beschreibt V.Kast vor allem die Wirksamkeit des Animus- Animapaares als intrapsychischen und interpersonellen Beziehungsvorgang in jedem Menschen, ob Mann oder Frau. Auch der sog „Schatten“ wird  hier unter überraschenden Perspektiven in seiner psychosozialen Konsequenz für das zwischenmenschliche Verhalten im personalen und gesellschaftlichen Bereich gesehen

.Es erweist sich als ein durchgehendes Anliegen V.Kasts, den Beziehungsaspekt in der Jungschen Psychologie zu betonen, der sich an leider wenig bekannten Zitaten aus Jungs Werken  eindeutig  belegen lässt, auch wenn er bisher häufig in den Darstellungen der Psychologie Jungs  vernachlässigt wurde, zugunsten einer einseitigen Betonung der Beziehung des Menschen zu seinem Unbewussten, so wichtig dieser Aspekt Jung auch war..

Besondere Bedeutung gewinnt der Beziehungsaspekt natürlich innerhalb der therapeutischen Beziehung. Dabei weist Kast auch auf weniger beachtete Aspekte hin, z.B. bei der erotisch- sexuellen Uebertragung.

Vor allem in dem anschliessenden Kapitel über die analytische Behandlung, wo Kast auch auf Erwartungen und Voraussetzungen einer Therapie eingeht, weist sie hin auf Initialträume und das „Erzählen des Lebens“, das zu jeder Therapie gehört,  wie auch darauf, dass es sich z.B. beim Verstehen und „Deuten“ der Träume der Analysanden immer um eine „Koproduktion“ zwischen ihnen und der jeweiligen Analytikerin, dem Analytiker handle, da die Träume  ja auch „zwischen ihnen“- so Jung - geträumt seien .

Hinter all dem steht und wirkt das besondere Menschenbild der Jungschen Psychologie, das sich in seiner Komplexität gerade heute von den anthropologischen Vorstellungen anderer psychologischer Richtungen unterscheidet und – nach Kast – sich vor allem dadurch auszeichnet, dass es das „ Suchen nach Sinn“, das „Streben nach Selbstwerdung“ und nach

Erfüllung spiritueller Bedürfnisse als Grundgegebenheiten menschlichen Seins ernst nimmt.

Dabei betont Kast in aller Nüchternheit, dass sich das religiöse Bedürfnis heute nicht mehr nur und nicht mehr primär auf ein Gottesbild richte und projiziere, sondern  z. B. auch auf ein Erleben von Einheit überhaupt, z. B. als „ Einheit mit sich selber, mit der Natur, mit der Umwelt und der Mitwelt“, auch mit Kultur.

Mit kritisch- konstruktiven Überlegungen und Informationen zu bereits erfolgten Weiterentwicklungen und Beforschungsmöglichkeiten der Jungschen Psychologie schliesst das Buch und schlägt damit zugleich den Bogen zurück zum Anfang: ihrer Entstehung aus einem empirischen Experiment, das das Wirken des sogenannten Unbewussten nachgewiesen hat.

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Ingrid Riedel hat auch das Buch "Träume" besprochen. Ihre Rezension finden Sie hier.